Regionale10
Regionale10

Die regionale10

 

In der Mitte am Rand

Die Vernetzung der Kultur- und Medieninitiativen des Bezirkes Liezen unter dem geheimnisvoll funkelnden Namen R*E*X im Jahr 2008 war die entscheidende Weichenstellung für die Austragung der regionale10 in der Region. Der Verband vereinigt Initiativen und Personen, die sich unabhängig von touristischen, politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen auf inhaltlicher Ebene mit ihrer Region auseinandersetzen und dabei auch für überregionale und internationale Impulse offen sind. Mit dem Konzept "In der Mitte am Rand", das die besondere geografische, soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation des Liezener Raums schlüssig erfasst, konnte R*E*X die international besetzte Jury des Landes Steiermark überzeugen.

"In der Mitte am Rand", das heißt im Bezirk Liezen: Hier findet sich die geografische Mitte Österreichs, aus Sicht der Ballungszentren liegt der Bezirk aber weit abseits vom Schuss. Wer hier aufwächst, erfährt seinen Lebensmittelpunkt zugleich als Zentrum und als Peripherie. Die Städte sind beschaulich, aber manch abgelegene Almhütte atmet das Flair der weiten Welt. In einigen Gegenden boomt der Tourismus, drumherum dominieren agrarische Flächen, und dazwischen lebt die Industrie von der großen Tradition und der Orientierung an der Zukunft zugleich. In Liezen ist man tatsächlich - In der Mitte am Rand.

Entlang diesem Leitmotiv hat die regionale10 die scheinbaren Unvereinbarkeiten innerhalb der Region zur Spielfläche des gesamten Festivals gemacht und die Vielfalt dieses Lebensraumes zehn spannende Wochen lang gebündelt.
 

Kunst, Alltagskultur, Mitwirkung

Umgesetzt wurde das Festival von einem Team rund um Dietmar Seiler und Werner Schrempf, den Künstlerischen und den Organisatorischen Leiter, in enger Zusammenarbeit mit R*E*X und weiterern Kulturinitiativen, Vereinen, Gemeinden, Unternehmen und vielen weiteren aktiven Menschen aus der Region und der ganzen Welt: Insgesamt rund 9.000 Menschen aus 30 Nationen wirkten an dem einzigartigen Festival mit, das Kultur und Alltag vergnügt, aber auch sehr ernsthaft miteinander verkuppelte.

Da waren die Kapellen und Chöre bei der Eröffnung, die Menschen, die beim Grenzgang mitgewandert sind, diejenigen, die ihre Zeit für die Gäste aus verschiedensten Ländern zur Verfügung gestellt haben, die im Rahmen von Fremdsehen in die Gemeinden kamen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens Georg Fischer, die für das Arcana-Festival ein eigenes Musikprojekt erarbeitet und aufgeführt haben, die Mitglieder der Laientheatergruppen die s' Nullerl und Einfach weg einstudierten und aufführten - bis zu den Fotografinnen und Fotografen, deren weit mehr als 4.000 Bilder beim regionale10-Außenposten Talking Leaves im Grazer Kunsthaus die regionale10 sichtbar machen.
 

Energie und Ermutigung

Die regionale10 hat damit zusätzliche kulturelle, künstlerische und intellektuelle Energie in die Region Liezen gebracht. Sie hat den regionalen Kulturtreibenden die Möglichkeit geboten, gemeinsam mit internationalen KünstlerInnen neue, spannende Erfahrungen zu machen. Durch regionale, überregionale und internationale Kooperationen gab es die Chance, das eigene Potenzial auszuschöpfen und zu erweitern - ein Beispiel dafür ist etwa die Gemeinschaftsproduktion Einfach weg der Theatergruppen "trac!" aus Schladming und "Gruber Bühne" aus Ramsau mit dem renommierten kroatischen Regieduo Nataša Rajkovic/Bobo Jelcic. Im Gesäuse ist durch die Zusammenarbeit der Veranstalter des traditionsreichen Festivals St. Gallen mit Peter Oswald etwas Neues, nämlich Arcana als Festival für neue, zeitgenössische Musik entstanden. Stift Admont, bisher schon in hoher Qualität der zeitgenössischen, österreichischen Kunst verpflichtet, hat sich internationalen Künstlerinnen und Künstlern geöffnet - und der interaktiven Bespielung durch die Besucherinnen und Besucher. Das Landschaftsmuseum Trautenfels hat sein Instrumentarium, den Besucherinnen und Besuchern Kultur und Natur des Bezirks Liezen nahezubringen, auf die zeitgenössische Kunst ausgeweitet.
 

Kooperationen und Beziehungen

Der Dachverband R*E*X wuchs während der regionale, darüber hinaus sind weitere Kontakte zu Kulturtreibenden entstanden, Grenzgang, Fremdsehen und andere gemeindeübergreifende Projekte haben die Kooperation zwischen den Gemeinden auf kulturellem Gebiet gestärkt.

Beeindruckend war auch das hohe Engagement der regionalen Wirtschaft im Sponsoring (Hauptsponsoren der regionale10 waren die Planaibahnen, die Landmarkt KG und die Brauunion), aber auch darüber hinaus: Unternehmen haben ihre Hallen für Veranstaltungen geöffnet (Palfinger in Weng, Georg Fischer in Altenmarkt), der "lange Ernst" in Trieben - der Schornstein der RHI - war ein wichtiger Akteur bei der Eröffnung.

Auch bei den regionalen Medien war ein starkes Interesse für das Thema Kultur und regionale10 spürbar. Eine traditionsreiche Zeitung wie der "Ennstaler" nahm das regionale-X sogar prominent auf sein Titelblatt. Das freie Radio der Region - Radio Freequenns - etablierte sich unter Beteiligung von Studierenden des Studiengangs Journalismus und PR der FH Joanneum als Festivalradio. Schulen und Bildungseinrichtungen trugen Projekte wesentlich mit: Das BG/BRG Stainach war bei Talking Leaves engagiert und gestaltete Sendungen für Radio Freequenns in Zusammenhang mit Fremdsehen, die HBLFA Raumberg-Gumpenstein brachte beim Projekt Sportarbeit agrarwirtschaftliches Fachwissen ein. Bei den Essgeschichten wirkten sogar mehrere Schulen aus der Region mit.
 

Stammtisch und Feuilleton

Es wurde substanziell diskutiert über die Themen der regionale10 - an den Stammtischen genauso wie in den regionalen Medien, aber auch in Feuilletons großer nationaler und internationaler Medien bis zur "Welt" und zur "Neuen Zürcher Zeitung". Es wurde aber auch mit der regionale10 diskutiert. Dort, wo Kritik auftauchte, gab es zeitnah Diskussionsveranstaltungen, entweder von der regionale10 selbst initiiert oder offensiv mitgetragen - das gilt für eine Diskussion in Liezen über einen Artikel zur Baukultur in der Stadt genauso wie die engagierte Debatte um das Projekt Hoher Dachstein bei einem "Kulturstammtisch" mit rund 80 Beteiligten in Ramsau. Kultur stand vor und während der regionale10 im Zentrum des allgemeinen Interesses - weit über den Kreis der Kulturtreibenden und Kulturinteressierten hinaus.
Nicht nur die "heißen Eisen" und "Steine des Anstoßes" fanden breite Resonanz, auch die Ausstellungen Play Admont und Der schaffende Mensch. Welten des Eigensinns (Schloss Trautenfels), Theaterproduktionen, Arcana und Fremdsehen wurden über die Grenzen des Bezirks und der Steiermark hinaus medial intensiv wahrgenommen. Beim Forum K! diskutierten international bekannte Künstler/innen wie Klaus Maria Brandauer und Thomas Glavinec ebenso wie die Korrespondent/inn/en internationaler Medien (z. B. Michael Frank von der "Süddeutschen") in der Region, über die Region und vor allem mit den Menschen der Region.
 

Welt und Dorf

Die regionale10 brachte Dörfer, Märkte und Städte der Region in die Welt - die Künstlerinnen und Künstler von Fremdsehen schrieben hoch frequentierte Blogs, die von rund 5.000 unterschiedlichen Personen gelesen wurden, die "Web-Plattform" von Talking Leaves wurde weltweit frequentiert, weit über 4.000 Fotos wurden eingesendet. Die Social-Media-Aktivitäten (vor allem auf Facebook) fanden gute Resonanz - die Facebook-Gruppe der regionale10 hatte mehr als 900 Mitglieder. Die Externe Verknüpfung Videos der regionale10 - darunter die Portraits von Menschen aus der Region und die "Essgeschichten"-Interviews - wurden auf Youtube mehr als 8.000 Mal aufgerufen. Gleichzeitig fand die regionale10 breite Beachtung in europäischen Online-Medien.
 

Zahlen und Zeichen

Bis zum Festivalfinale wurden bei regionale-Veranstaltungen rund 82.000 Besucher/innen gezählt (die Ausstellungen Play Admont und Der schaffende Mensch waren noch bis zum Herbst zu sehen.)
Auch Veranstaltungen wie die Arcana-Konzerte (eines sogar um 4.30 Uhr morgens), bei denen das Publikumsinteresse schwer abschätzbar war, konnten die Erwartungen mehr als erfüllen.

Finanziell bewegte sich die regionale10 gesichert im vorgegebenen Budgetrahmen (4 Millionen Euro vom Land). Dazu wurden weitere rund 700.000 Euro durch Sponsoring, Koproduktionen und Kooperationen sowie den Kartenverkauf erzielt. Rund zwei Drittel dieser Summe, so das Ergebnis von punktuellen Überprüfungen, sind unmittelbar in die Region und die regionale Wirtschaft geflossen. Im dichten Festival-Sommer konnte sich die regionale10 gegen starke Konkurrenz österreichweit positionieren - und damit auch die Marke "regionale" stärken .


 

Aufwind und Wetter

Die regionale10 als Festival für zeitgenössische Kunst und Alltagskultur ist dezidiert kein Tourismusprojekt. Dass Kultur und zeitgenössische Kunst - nicht nur in der Stadt, sondern auch am Land - aber dem Tourismus dennoch Aufwind geben können, zeigten aber konkrete Beobachtungen: Die Konzerte von Musik vom Rand - Der Duft der Berge in Altaussee waren nicht nur insgesamt gut ausgelastet - ein Großteil der Besucherinnen und Besucher waren keine unmittelbar "Einheimischen". Während des Arcana-Festivals war die Region um St. Gallen weitgehend ausgebucht.
Dennoch wollte die regionale10 angesichts der rund 3,9 Millionen Nächtigungen allein im Bezirk Liezen keinen unmittelbar messbaren Beitrag zur Tourismusstatistik liefern. Andere Faktoren (wie die extremen Wetterkapriolen) bewirken zahlenmäßig weit größere Effekte.

Diesen Wetterkapriolen hat die regionale10 erfolgreich getrotzt, wohl auch, weil das Publikum und die Beteiligten aus der Region sich davon nicht beeindrucken ließen. Nur wenige Programmpunkte mussten aus Witterungsgründen abgesagt werden, etwa die Fahrt über die Enns Ab durch die Mitte und das Arcana-Konzert am Haindlkar. Dafür bekam das Projekt Station O in Gaishorn (das sich mit dem Thema Hochwasser künstlerisch auseinandersetzte) leider unerwartete Brisanz. Und die regionale10 reagierte flexibel auf die Hochwasserkatastrophe im Sölktal: In Schloss Großsölk lud das Festival gemeinsam mit der Gemeinde Betroffene und HelferInnen am 24. Juli zu einer "Verschnaufpause".

Es war fast konsequent, dass das Wetter auch beim Abschied der regionale10 im Rahmen des traditionellen Altausseer Sommerfestes Berge in Flammen nicht ganz mitspielte. Aber das machte nichts: Tausende Besucher/innen ließen sich dennoch in den Bann magischer Bilder und Klänge ziehen.

Und das war auch die vielleicht schönste und wichtigste Botschaft der regionale10: dass Menschen sich ihre Begeisterung und ihre Lust am Leben auch dann nicht nehmen lassen, wenn die Schwierigkeiten groß und unbewältigbar scheinen.
LandmarktZipferPlanai